Frühkastration

Infotext zur Herrchen gesucht - Sendung vom 18. August 2003
Von Barbara Willms

Katzen sind sehr fruchtbar :


Rein rechnerisch können aus einem einzigen Katzenpaar und seinen Nachkommen in zehnJahren 80 Millionen Katzen werden!
Aber wohin mit dem Nachwuchs?
Auf diese Frage gibt es keine zufrieden stellende Antwort. Verwilderte Hauskatzen drängensich längst auch in Deutschland am Rande der Städte, auf verlassenen Fabrikgeländen undanderen unwirtlichen Plätzen - dort endet so mancher "süße, kleine" Welpe,weil die Besitzer der Mutterkatze sich letztlich doch nicht darum kümmern, was aus jedemKatzenkind später wird. Es gibt aber leider keinen brauchbaren natürlichen Lebensraumfür die Nachfahren der Tiere, die sich der Mensch über Generationen zu Haustierenherangezogen und erzogen hat.


Katzenelend massenhaft


Die vielen verwilderten Katzen finden weder ausreichend Nahrung noch gibt es echtenatürliche Feinde. Wäre der Lebensraum intakt, dann gäbe es, wie immer bei einemnatürlichen Gleichgewicht, andere wild lebende Tiere, die die Katzen als Nahrung erbeutenwürden. Damit würde die Zahl auf natürliche Weise begrenzt. Solche natürlichen Feindefehlen aber. Stattdessen begegnen die verwilderten Hauskatzen unkalkulierbaren Gefahren ineiner vom Menschen bestimmten Welt: Das sind Autos, die sie überfahren, Jäger, die aufsie schießen, und sogar sadistische Menschen, die Katzen einzufangen und zu quälenversuchen - oder zu vergiften. Hinzu kommt: Infektionskrankheiten breiten sich massenhaftaus. Viele Katzen leiden an Leukose oder "Katzenaids". Gerade bei der Paarungselbst (der Kater beißt der Katze in den Nacken) und bei den vorangehenden blutigenKaterkämpfen um die Weibchen werden häufig Krankheiten weitergegeben.


Tierschützer kastrieren verwilderte Katzen und Kater


Tierschützer versuchen in Zusammenarbeit mit Tierärzten auch in Deutschland schon seitvielen Jahren, die verwilderten Katzen einzufangen und zu kastrieren. Die Tiere werden mitFutter in längliche Käfige ("Lebendfallen") gelockt, in die Tierarztpraxisgebracht und dort unter Narkose nicht nur kastriert, sondern meist noch schnell entflohtund anderweitig verarztet. Dann werden sie wieder frei gelassen.
Zur Klärung, da die Begriffe "Kastration" und "Sterilisation" oftmissverständlich gebraucht werden: Die Kastration ist die operative Entfernung derKeimdrüsen. Beim Kater werden also die Hoden entfernt; bei der Katze die Eierstöcke undoft auch ein Teil der Gebärmutter (wenn medizinisch notwendig, auch die gesamteGebärmutter) aus dem Bauchraum herausoperiert. Damit sind die Tiere nicht nur unfruchtbar(das allein würde schon mit einer Sterilisation, also der Durchtrennung der Samensträngebeziehungsweise Eileiter erreicht), sondern kastrierte Tiere haben auch keinenFortpflanzungstrieb mehr. Das ansonsten durch die Geschlechtshormone gesteuerte typischeVerhalten fällt weg: keine Paarung, kein Katerbiss in den Nacken der Katze, keinePrügeleien der Kater um Katzen. Damit werden nicht nur weiterer Nachwuchs und die weitereAusbreitung von Infektionskrankheiten verhindert, sondern es wird den verwilderten Tierendann auch möglich, aggressionsfreier in ihrem begrenzten Lebensraum zusammenzuleben.
Kastrieren, bevor es zu spät ist, denn Katzen werden früher geschlechtsreif, als mandenkt.
Weibliche Katzen werden normalerweise mit etwa fünf oder sechs Monaten geschlechtsreif.Aber, so erklärt die Tierärztin Dr. Ulrike Morys in unserem Beitrag, es kann auch schonmit drei oder vier Monaten so weit sein: "Bei winter- oder spätherbstgeborenenKatzen haben wir das Phänomen, dass die schon mit drei oder vier Monaten geschlechtsreifsein können; das hängt mit der zunehmenden Tageslichtlänge zusammen. DieTageslichtlänge hat einen extremen Einfluss auf den Sexualzyklus, das kennen wir ja auch;im Frühling gehen die Hormone immer so ein bisschen durch, und das ist bei Katzen auchso."
Generell gilt: Kater werden etwas später geschlechtsreif als die weiblichen Katzen.
Viele Menschen, die sich vielleicht nicht so gut auskennen, rechnen allerdings überhauptnicht damit, dass "die Kleinen" schon sehr bald selbst Eltern werden können.Hartnäckig hält sich die falsche Vorstellung, Katzen könnten erst später Nachwuchsbekommen, so zum Beispiel, wenn sie ausgewachsen seien (das heißt mit 12 bis 14 Monaten)oder mit einem Dreivierteljahr. Aber das alles trifft eben nicht zu, und die Idee, bis zurersten Rolligkeit "abzuwarten", ist keine gute Idee. Denn oft werden die erstenAnzeichen der Rolligkeit nicht erkannt, und das endet bei vielen Freigängerkatzen damit,dass sie unversehens trächtig nach Hause kommen. Die Kastration mit einemSicherheitsabstand zur Geschlechtsreife, also je nach den praktischen Umständen (beiverwilderten Katzen zum Beispiel, wenn es gelingt, sie einzufangen) schon mit frühestenssechs, spätestens aber zwölf Wochen, ist die effektivste Methode, ungewollten Nachwuchstatsächlich zu verhindern.


Vor- und Nachteile der frühen Operation selbst


Da die Tiere ja noch längst nicht ausgewachsen sind, sind auch die Geschlechtsorgane nochrecht klein. Und dieser Umstand macht die Frühkastration im Vergleich zu der beimerwachsenen Tier vielleicht etwas filigraner, schwieriger. Auch besteht offenbar teilweiseUnsicherheit, was die Dosierung des Narkosemittels angeht. Für Tierärzte mitOperationserfahrung ist das aber kein Problem. Im Gegenteil, meint die Tierärztin Dr.Ulrike Morys. Sie findet die Operation weit unkomplizierter als die eines ausgewachsenenTieres: "Also, bei der Frühkastration sind die Vorteile: Wir brauchen geringeNarkosemengen; die Tiere vertragen es sehr gut; wir haben einen sehr kleinen Schnitt; wirhaben es noch nicht mit viel Fettgewebe zu tun, denn die Tiere sind ja noch nichtverfettet; dadurch ist die Blutungsmenge sehr viel geringer; wir haben sehr seltenKomplikationen, und die Tiere sind sehr schnell nach dem Eingriff wieder wach, dass diealso im Geschwister- oder Familienverband wieder freigelassen werden können."


Früh kastrierte Katzen und Kater werden minimal größer


Mit drei, vier Monaten, Kater etwas später, wären die Tiere zwar schon fähig, Nachwuchszu zeugen, aber sie sind noch nicht richtig ausgewachsen. Welche Folgen hat dieFrühkastration auf Entwicklung und Wachstum? Dazu finden sich, je nach Quelle,widersprüchliche Vermutungen und Angaben. Häufig wird auf US-amerikanischeUntersuchungen verwiesen. In Deutschland existieren bislang noch keine systematischenwissenschaftlichen Langzeitbeobachtungen, sagt Prof. Dr. Ingo Nolte, Direktor der Klinikfür kleine Haustiere der Tierärztlichen Hochschule in Hannover, aber es gibt inzwischendoch schon einige Erfahrungswerte. Eines ist sicher: Früh kastrierte Katzen und Katerwerden etwas größer, aber der Unterschied ist kaum sichtbar, es sind nur wenigeMillimeter. Der Grund liegt im Fehlen der normalerweise wirkenden Geschlechtshormone, soerklärt Prof. Dr. Ingo Nolte: "Katzen, die frühzeitig kastriert werden, also sprichvor der ersten Rolligkeit, werden größer. Das heißt also, mit der Geschlechtsreife wirddas Wachstum durch Hormone beeinflusst, indem es dann eben beendet wird, und wenn dieRolligkeit dann eben sozusagen nicht auftritt, dann schreitet das Wachstum auch längerfort."


Hat die Frühkastration Auswirkungen auf die Gesundheit?


Anders als bei der Hündin hat die Frühkastration bei weiblichen Katzen nicht diepositive Wirkung, die Entstehung von Gesäugetumoren zu verhindern, stellt Prof. Dr. IngoNolte fest: "Bei der weiblichen Katze ist dieser Zusammenhang nicht sichernachgewiesen; grundsätzlich unterscheiden sich die Entwicklung von Gesäugetumoren vonHund und Katze ganz erheblich, so dass also die Frage ist, ob da wirklich ein echterZusammenhang besteht." Bislang keine Bestätigung sieht Prof. Dr. Ingo Nolte aberauch für die Befürchtung, die Harnröhre beim Kater würde nicht richtig auswachsen unddann später eventuell "verstopfen": "Lässt sich eigentlich nicht belegen,auch schon im Vergleich zum, egal, also, späteren Zeitpunkt durchgeführten Kastrationbeim Kater im Vergleich zu unkastrierten Katern, lässt sich da überhaupt keine Häufungherauslesen." Eine Gefahr für den Katerpenis besteht allerdings - theoretisch -,denn zwischen dem vierten und fünften Monat löst sich die Vorhaut ab, und wenn dieKastration genau während dieser Ablösung stattfindet, können sich kleine"Taschen" bilden, in denen sich später dann Schmutz ansammelt - und das kann zuEntzündungen führen. Aber das ist selten und lässt sich leicht vermeiden: Der Tierarztmuss eben den richtigen Zeitpunkt wählen.
Macht jede Kastration dick? Tendenziell ja! Alle kastrierten Katzen und Kater drohen dickzu werden. Das liegt nicht etwa am fehlenden Jagdtrieb, denn der bleibt - ob frühere oderspätere Kastration - voll erhalten. Es liegt daran, dass der Geschlechtstrieb fehlt, derKatze und vor allem Kater normalerweise auf Trab hält. Fällt der weg, haben die Tiereeine starke Antriebsquelle weniger - sie werden ruhiger und bequemer. Sie verbrauchen alsoweniger Energie. Das heißt für die Katzenbesitzer: Auf das Gewicht der Tiere achten,regelmäßig wiegen und gegebenenfalls das Futter rationieren.


Wie beeinflusst die Frühkastration das Verhalten?


Normalerweise würde der mit der Geschlechtsreife einsetzende Sexualtrieb nicht nur denKörper, sondern die gesamte Persönlichkeit und das Verhalten beeinflussen: eineVeränderung vom verspielten Tierkind zum paarungswilligen Fast-Erwachsenen, beim Katerübrigens weit auffälliger als bei der Katze. Durch die Frühkastration wird dieseVeränderung verhindert, erklärt die Diplom-Biologin Dr. Willa Bohnet vom Institut fürTierschutz und Verhalten der Tierärztlichen Hochschule Hannover: "Wenn eine Katzeoder ein Kater vor der Pubertät kastriert wird, wird man als Besitzer überhaupt keineVerhaltensänderung merken, das heißt, die Tiere bleiben so verschmust, wie sie es vorherwaren; sie bleiben so verspielt. Sie werden sich nicht weiter als bisher vom Hausentfernen, sie werden weiterhin guten Kontakt zu Artgenossen haben, sofern sie das vorherauch hatten, gelernt haben." Die Frühkastration macht Katzen und Kater also einLeben lang zu verträglicheren, "angenehmeren" Haustieren. Das gilt vor allemfür Kater. Bei weiblichen Katzen ist der Verhaltensunterschied - abgesehen von den (ohneKastration eintretenden) abgegrenzten Phasen der Rolligkeit, Trächtigkeit undWelpenaufzucht - weniger stark. Aber unkastrierte Kater sind immer paarungsbereit, unddeshalb fällt der Verhaltensunterschied zwischen kastrierten und unkastrierten Katernauch immer stark auf.


Frühkastration bei reiner Wohnungshaltung?


Wenn es nicht darum geht, eine überraschend frühe Trächtigkeit zu verhindern, wenn manalso zum Beispiel mit zwei Katzendamen in einer Wohnung lebt und die beiden nicht nachdraußen kommen, kann man sich mit der Entscheidung für eine Kastration mehr Zeit lassen.Dennoch ist die Kastration auch von Wohnungskatern grundsätzlich sinnvoll, denn dereinsetzende Geschlechtstrieb ist der Hauptgrund dafür, das die männlichen Tiere ihrRevier systematisch mit Urin markieren. Daher rät die Biologin Dr. Willa Bohnet:"Beim Kater würde ich auch sagen, auf jeden Fall kastrieren, weil man dann nämlichdie Geruchsbelästigung nicht hat, und bei einer Katze kann man das von dem Individuumabhängig machen." Die Kastration wird notwendig, wenn eine frustrierte Wohnungskatzeimmer wieder rollig wird. Die Dauerrolligkeit ist eine hormonelle "Vergiftung".Die Katze ist unübersehbar leidend und unüberhörbar klagend. Das muss nicht passieren,aber es kann durchaus so sein. Die Katze dann nicht kastrieren zu lassen wäreTierquälerei.


Wie "unnatürlich" sind Kastration und Frühkastration?


Fast jeder empfindet ein etwas befremdliches Gefühl bei der Vorstellung, dass so junge,noch längst nicht ausgewachsene Tiere kastriert werden sollen. Schließlich nimmt derMensch einem Tier damit eine ganz wichtige Antriebskraft. Besonders der so früheEingriff, aber auch die Kastration generell werden oft als "unnatürlich"dargestellt. Das sind sie zweifelsfrei auch, aber vielleicht doch weitaus"tiergerechter" und verantwortlicher, als es im ersten Moment scheinen mag -wenn man sich einmal überlegt, welchen Lebensraum wir Menschen den Tieren zugewiesenhaben. Wir haben nun einmal ehemals wild lebende Tiere über viele Generationen zu"Haustieren" gemacht, also bewusst zu möglichst angenehmen, unkompliziertenGesellschaftern des Menschen. Inwieweit die Haltungsbedingungen, die wir bieten, den nachwie vor genetisch festgelegten Bedürfnissen der Haustiere entsprechen, wird aber viel zuwenig hinterfragt. Oft ist es fehlendes Wissen, oft eine (als selbstverständlichangenommene) Geringschätzung der Tiere und ihrer Bedürfnisse. Wie stark die Sexualitätder Motor des Tier- und auch des Haustierlebens ist, wird unterschätzt. Aber: Wenn sienicht ausgelebt werden kann (mangels Partnern und weil Nachwuchs unerwünscht ist), istdas nicht etwa "natürlich", sondern Tierquälerei, und daher argumentierenviele Tierschützer auch ganz konsequent wie die Tierärztin Dr. med. vet Ulrike Morysfür die Frühkastration: "Warum soll ich einem Tier Sexualität quasi zumuten, wennich von vornherein weiß, dass es die Sexualität nie ausleben darf? Dann kann ich es ihrauch vorher nehmen, weil die Katze gar nicht wissen wird, was sie vermisst." Werdieser konsequenten Überlegung folgt, kann nur zu einem Schluss kommen: Problematisch isteigentlich weniger der konkrete Schritt der Frühkastration als vielmehr das gesamteKonzept der Haltung von Haustieren unter wenig natürlichen Bedingungen.


Fazit


Zur Verhinderung weiterer unerwünschter Vermehrung, der "Überpopulation",plädieren Tierschützer konsequent für die Frühkastration verwilderter Katzen. Das giltauch für Freigängerkatzen (es sei denn, jemand ist in der glücklichen Lage, in einersehr katzenarmen Gegend zu wohnen, und hat schon sichere Interessenten für jeden zuerwartenden Welpen). Bei reiner (geschlechtlich getrennter) Wohnungshaltung kann man eherim Einzelfall entscheiden; das gilt vor allem bei den weiblichen Katzen.

Mehr Informationen zum Thema finden Sie im Internet u.a. bei der OrganisationCAT-CARE Tierhilfe Kassel e.V., die sich engagiert für die Frühkastration einsetzt:
www.cat.care.de


Quelle: WDR Sendung Tiere suchen ein Zuhause vom 25. Mai 2003. Eventuellespätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.- Alle Angaben ohneGewähr -

 

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